Nr. 14/07, 30. März 2007

Gab es sechs Millionen polnische Opfer?

Merkels Anklagen gegen Deutschland widerlegt
Bei ihrem jüngsten Besuch in Polen übte sich Kanzlerin Merkel erneut in heftigen Anklagen gegen Deutschland, verbunden mit einer Ignorierung des polnischen Schuldanteils am Zweiten Weltkrieg: „In der ganzen Zeit des Nationalsozialismus und während des Zweiten Weltkrieges, der mit dem Angriff Deutschlands auf Polen begann, haben mehr als sechs Millionen Polen durch Deutsche ihr Leben verloren. (...) Es kann keine Umdeutung der Geschichte durch Deutschland geben“, sagte sie in ihrer Rede an der Universität Warschau.

Die von Merkel behauptete Zahl von mehr als sechs Millionen durch Deutsche umgebrachten Polen taucht auch in unzähligen Büchern und Zeitschriften auf. Es handelt sich bei der Zahl um die offiziell von Warschau verbreitete Angabe der polnischen Verluste im Zweiten Weltkrieg, enthalten auch im offiziellen „Bericht des Kriegsentschädigungsamtes beim polnischen Ministerpräsidium“ im Jahre 1947. Ermittelt wurde die Sechs-Millionen-Zahl von zwei polnischen Studenten im Auftrag der Polnischen Provisorischen Regierung unmittelbar bei Kriegsende.

Wie der international anerkannte Bevölkerungswissenschaftler Dr. Alfred Bohmann in einem Brief an den Ingolstädter Historiker Dr. Alfred Schickel berichtet, enthält diese Verlustbilanz viele Fehler, Aufbauschungen, Verdoppelungen und Verdreifachungen und ist daher „so wenig wissenschaftlich, wie man sich das gar nicht vorstellen kann“. Doch weil sie noch 1945 als Berechnungsgrundlage für zu erwartende Reparationen bei einem Friedensvertrag an die Vereinten Nationen weitergegeben wurde, wurde sie – gewissermaßen als amtliches Dokument – bald widerspruchslos in vielen Darstellungen wiedergegeben. Allein schon der Verwendungszweck der Berechnung und der denkbar frühe und ungünstige Zeitpunkt – mitten in den Kriegswirren, aber vor der „summarischen Volkszählung“ vom Februar 1946 – deutet auf ihren geringen Aussagewert hin.

Die Zahl von „sechs Millionen Polen, die im Zweiten Weltkrieg von Deutschen umgebracht wurden“ beruht noch auf einer weiteren Quelle. Im „Statistischen Jahrbuch“ Polens aus dem Jahre 1956 findet sich eine Gegenüberstellung der polnischen Bevölkerungszahlen von 1931 und von 1946, beruhend auf den Volkszählungen in diesen Jahren. Danach habe Polen 1931 insgesamt 29.892.000 Einwohner aufgewiesen, 1946 hingegen nur noch 23.625.000. Polen habe somit über 6,2 Millionen Menschen, das sind 21 Prozent seiner Gesamtbevölkerung, verloren.

Deutsche Vertriebene mitgerechnet

Auf dieser genauso einfachen wie bevölkerungswissenschaftlich ungewöhnlichen Subtraktion beruht offenkundig die vom früheren polnischen Staats- und Parteichef Wladislaw Gomulka in mehreren Interviews getroffene Aussage, 6,2 Millionen Polen seien Opfer des Krieges geworden. Auch der polnische KP-Chef der Jahre 1970 bis 1980, Edward Gierek, scheint auf diese Statistik Bezug genommen zu haben, als er beim Polen-Besuch von Bundeskanzler Schmidt im November 1977 von „jedem fünften Polen“ sprach, der im Krieg ums Leben gekommen sei.

Die detaillierte, nach Städten und Regionen aufgegliederte, dieser Rechnung zugrunde liegende Gegenüberstellung weist jedoch überraschende Positionen auf: Sie rechnet – für das Jahr 1931 (!) wie 1946 gleichermaßen – Allenstein, Danzig, Köslin, Stettin, Grünberg, Breslau und Oppeln ganz einfach zu Polen, obwohl in diesen deutschen Städten 1931 keineswegs 8,353 Millionen – so das Ergebnis der Addition – Polen lebten, sondern 8,123 Millionen Deutsche (nach der reichsdeutschen Volkszählung von 1933) und nochmals 267.251 Deutsche in Danzig (nach einer Zählung im Jahre 1941).

Primitive Fälschung

Bei den Zahlen von 1946 fehlen schließlich 3,378 Millionen Deutsche aus den genannten Städten und Gebieten. Bei diesen „polnischen Verlusten“ handelt es sich also um die bis dahin geflohenen, vertriebenen oder ermordeten Deutschen abzüglich der bereits in Ostdeutschland angesiedelten Polen.

Die aus solchen Statistiken sprechende Dreistigkeit hat der Historiker Dr. Alfred Schickel in seiner Untersuchung über die polnischen Kriegsverluste treffend charakterisiert: „Eine solche Rechnung ist nicht nur fehlerhaft, sie verletzt auch die an anderer Stelle gewürdigte moralische Kategorie, wenn die um Haus und Hof gebrachten heimatvertriebenen Ostdeutschen dann auch noch als statistisches Material der Vertreiber hergenommen werden.“

Von den sich aus der Gegenüberstellung ergebenden „polnischen Verlusten“ von 6,267 Millionen, sind folglich 3,378 Millionen deutsche Flüchtlinge und Heimatvertriebene abzuziehen, so dass die Zahl von 2,889 Millionen verbleibt, die Dr. Schickel als höchstwahrscheinlich überhöhte Maximal-Summe der Bevölkerungsverluste annimmt.

Berücksichtigt man dann noch die jeweiligen Mindestzahlen unter anderem der ausgewanderten Polen und der polnischen Staatsbürger fremder Nationalität, die in der Sowjetunion ihre neue Heimat fanden, ergibt sich nach Dr. Schickel ein „objektives Maximal-Defizit von höchstens 2,349 Millionen Einwohnern, wahrscheinlich jedoch um einige Hunderttausende weniger“. Merkels in Warschau vorgetragener Schwindel von „mehr als sechs Millionen Polen“, die „durch Deutsche ihr Leben verloren“, dürfte damit eindeutig widerlegt sein.


Empfehlenswert:

Joachim Nolywaika: Polen – nicht nur Opfer / Die Verschwörung des Verschweigens
Karsten Kriwat: Der andere Holocaust – Die Vertreibung der Deutschen 1944–1949

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